Das Wissen über die Anatomie des Pferdekopfs hilft dir zu erkennen, warum ein Genickstück nicht einfach irgendwo hinter den Ohren liegen sollte. Unter diesem schmalen Stück Leder treffen Ohrbasis, Schädel, Atlas, Muskulatur, Faszien, Nerven und seitlich auch das Kiefergelenk aufeinander.
Wenn du weißt, was dort liegt, kannst du viel sinnvoller einschätzen, ob eine Trense deinem Pferd wirklich passt oder nur gut aussieht.
Warum der Blick unter das Genickstück so wichtig ist
Wenn ich ein Kopfstück fertige oder beurteile, denke ich nicht zuerst an die Farbe. Ich denke daran, was unter dem jeweiligen Riemen liegt.
Das klingt vielleicht etwas nüchtern. Aber genau dort beginnt für mich gute Passform.
Das Genickstück liegt direkt hinter den Ohren, also an einer Stelle, an der der Kopf des Pferdes in die Halswirbelsäule übergeht. Dort liegen nicht nur Fell und Haut, sondern auch Knochen, Gelenke, Muskulatur und empfindliche Weichteile.
Gute Übersichten zum knöchernen Skelett zeigen sehr schön, wie dicht diese Strukturen am Pferdekopf beieinanderliegen, zum Beispiel in der Darstellung der Pferdeosteologie.
Für dich bedeutet das: Ein Genickstück darf nicht nur weich sein, es muss sinnvoll liegen.
Achte deshalb immer auf diese Punkte:
- Hat das Ohr nach hinten und zur Seite Platz?
- Liegt das Genickstück flächig oder kippt es irgendwie?
- Entstehen nach dem Reiten Druckstellen, warme Punkte oder aufgerubbelte Stellen im Fell?
- Reagiert dein Pferd beim Auftrensen abwehrend?
Wenn ein Pferd den Kopf wegzieht, die Ohren anlegt oder beim Reiten fest im Genick wird, ist das kein Beweis für ein Trensenproblem oder ein Problem mit dem Genickstück. Aber es ist ein Hinweis darauf, genauer hinzusehen.
Was unter dem Genickstück wirklich liegt
Unter dem Genickstück liegt eine kleine, aber ziemlich wichtige Region des Pferdekopfes. Hinten am Schädel sitzt das Hinterhauptsbein, auch Os occipitale genannt. Es bildet den hinteren Teil des Schädels und ist mit dem Atlas, dem ersten Halswirbel, verbunden.
Diese Verbindung heißt Atlanto-Okzipitalgelenk. Vereinfacht gesagt ist das das Gelenk, das ein kleines Ja-Nicken ermöglicht. Genau deshalb finde ich es wichtig, vorsichtig mit Aussagen wie „das Genickstück liegt auf dem Atlas“ zu sein. Die Hinterhauptskondylen an der Unterseite des Hinterhaupts sind anatomisch bedeutsam, aber von außen liegt immer noch Gewebe darüber.
Der Atlas hat seitliche Fortsätze, die Atlasflügel. Sie sind beim Pferd tastbar und gehören zur Beweglichkeit zwischen Kopf und Hals.
Dazu kommt die Ohrbasis. Die Ohrmuschel besteht nicht nur aus dem sichtbaren Ohr, sondern hat knorpelige Strukturen und Muskeln. Ein dick gepolstertes Genickstück kann sich weich anfühlen, aber trotzdem nicht passen: Wenn es zu dick ist, also der Riemen zu breit ist, kann dieses Genickstück den nötigen Platz hinter den Ohren weg nehmen: So drückt es dann – aufgrund der Dicke des Polsters und der dadurch entstandenen Breite des Genickriemens – wieder von hinten an den Ohrmuscheln.
Und dann sind da noch Nerven, Faszien und die Muskulatur.

Anatomisch geformt ist nicht automatisch passend
Ich sehe oft Trensen, die als anatomisch beschrieben werden. Und ja, manche Formen sind sinnvoll gedacht. Aber anatomisch geformt und anatomisch passend sind für mich zwei verschiedene Dinge.
Ein Ausschnitt hinter dem Ohr bringt deinem Pferd nichts, wenn er an der falschen Stelle sitzt. Das ist ein bisschen wie bei einem gut gemeinten Schuh mit weichem Fußbett, der trotzdem an der Ferse scheuert. Weich ist schön. Passend ist wichtiger.
In der Pferdeanatomie gibt es keine Einheitsform. Der Pferdekopf kann kurz, lang, breit, schmal, fein oder kräftig gebaut sein. Auch das Jochbein, das Nasenbein, der Unterkiefer und das Schläfenbein beeinflussen, wie Riemen seitlich am Kopf verlaufen.
Im Hinblick auf die Trense heißt das für mich: Du musst die ganze Trense und den Pferdekopf gemeinsam anschauen. Also nicht nur das Genickstück, sondern auch Backenstücke, Stirnriemen, Nasenriemen und Gebisslage – und das alles an deinem Pferd.
Auch das Kiefergelenk gehört dazu. Es liegt seitlich am Kopf, zwischen Unterkiefer und Schläfenbein. Es liegt nicht direkt unter dem Genickstück, aber die Backenstücke verlaufen in seiner Nähe.
Druck erkennen und sinnvoll beurteilen
Druck ist nicht grundsätzlich böse. Eine Trense muss irgendwo aufliegen. Die Frage ist: Wo entsteht der Druck, wie stark ist er und wie gut verteilt er sich?
In Untersuchungen zu Trensen wurden unter anderem Druck unter dem Nasenriemen und dem Genickstück gemessen. Besonders interessant finde ich daran, dass nicht nur die Höhe des Drucks zählt, sondern auch die Verteilung. Bei Vergleichen von Trensenarten wurden Zügelkräfte und Druckverhältnisse gemessen, und dabei sieht man: Kleine Veränderungen können spürbare Folgen haben.
Eine weitere Arbeit beschreibt, dass ein anders gestaltetes Kopfstück Druckspitzen vermeiden und den Druck gleichmäßiger verteilen kann. Genau dieses Thema der gleichmäßigeren Druckverteilung ist für mich in der Praxis viel wichtiger als ein besonders weiches Polster.
Meine Meinung dazu
Ich habe mir das Lederhandwerk selbst beigebracht. Gerade am Anfang habe ich oft gedacht: „Das schaut doch alles richtig aus.“ Und dann habe ich gemerkt, dass richtig aussehen und wirklich passen nicht dasselbe ist.
Bei einer Trense ist das besonders deutlich. Ein Genickstück kann sauber genäht, schön gepolstert und farblich perfekt sein. Wenn es aber die Ohrbasis einengt oder an einer kleinen Stelle ständig Druck macht, ist es funktionell nicht gut.
Deshalb ist für mich das Verständnis der Anatomie so wichtig. Nicht, damit du zur Tierärztin wirst. Sondern damit du bessere Fragen stellst und genauer hinschaust.
Zum Beispiel:
- Wo liegt dieses Genickstück an meinem Pferd wirklich?
- Kann mein Pferd die Ohren frei bewegen?
- Verläuft das Backenstück nah am Kiefergelenk?
- Passt die Form zu diesem Kopf?
Wenn von „Atlasfreiheit“ gesprochen wird, schaue ich genau hin. Das Atlanto-Okzipitalgelenk wird in anatomischen Übersichten als Verbindung zwischen Schädel und erstem Halswirbel beschrieben, also rund um das Atlanto-Okzipitalgelenk ist viel mehr los als nur „Atlas ja oder nein“.
Auch das Hinterhauptsbein selbst ist nicht einfach eine glatte Platte; die Beschreibung des Hinterhauptsbeins zeigt, wie komplex diese Schädelregion ist.
Was du konkret an deiner Trense prüfen kannst
Wenn du deine Trense beurteilst, lege sie deinem Pferd einmal bewusst ohne Zeitdruck an. Nicht, um sofort alles zu ändern. Sondern um zu sehen, was wirklich passiert.
Greife mit den Fingern hinter die Ohren. Dort sollte kein harter Rand direkt in die Ohrbasis drücken. Wenn dein Pferd die Ohren bewegt, sollte der Genickriemen diese Bewegung nicht blockieren. Weitere Beiträge über Genickdruck zeigen ebenfalls, dass gerade diese Region bei der Trensenanpassung ernst genommen werden sollte.
Dann schaue seitlich: Verläuft das Backenstück gerade? Kommt die obere Schnalle des Backenstücks in die Nähe des Kiefergelenks oder liegt sogar darauf?
Warum gute Passform immer individuell bleibt
Es gibt nicht die eine perfekte Trense für jedes Pferd. Dafür sind der Kopf des Pferdes, Muskulatur, Halswirbel, Ohransatz und Beweglichkeit zu verschieden.
Ratgeber zu anatomischen Trensen erklären häufig, welche Bereiche entlastet werden sollen. Das kann hilfreich sein. Trotzdem bleibt für mich entscheidend, ob die Form am einzelnen Pferdekopf funktioniert.
Für mich heißt das: Schau nicht nur auf Werbeworte. Schau auf dein Pferd.
Wenn dein Pferd beim Reiten entspannter kaut, die Ohren freier bewegt und sich im Genick weniger festhält, ist das wertvoller als jedes Etikett. Die Anatomie des Pferdekopfs zu verstehen ist kein Selbstzweck. Sie hilft dir, besser beurteilen zu können, ob deine Trense wirklich deinem Pferd passt, oder aber auch dein Lederprojekt und deine Ausrüstung pferdegerechter zu planen – wenn du sie selbst fertigen möchtest.
Was du aus der Anatomie des Pferdekopfs für deinen Genickriemen mitnehmen darfst
Unter dem Genickstück liegt nicht irgendwas. Dort liegen Schädel, Atlas, Ohrbasis, Muskulatur, Faszien, Nerven und benachbarte Strukturen wie das Kiefergelenk nah beieinander.
Deshalb ist es wichtig zu wissen, was unter der Trense und in diesem speziellen Fall unter dem Genickstück liegt. Nur dann kannst du sinnvolle Vermutungen treffen, ob ein Genickstück passen könnte. Für feinere Fragen oder unklare Schmerzen braucht es natürlich Fachleute.
Für deinen Alltag reicht oft schon ein aufmerksamer Blick: Haben die Ohren Platz? Liegt der Genickriemen weich und flächig auf? Verändert sich dein Pferd beim Auftrensen oder Reiten?
Genau da beginnt gutes Handwerk für mich. Nicht beim schönsten Leder. Sondern beim Verständnis dafür, was dieses Leder am Pferd bewirkt.
Wenn du selbst mit Leder arbeiten möchtest
Wenn dich dieser Blick auf Passform neugierig macht und du irgendwann selbst ein Kopfstück, Halsband oder ein anderes Lederprojekt fertigen möchtest, dann brauchst du keinen riesigen Werkzeugberg. Du brauchst einen klaren Anfang und ein Gefühl dafür, welches Material sinnvoll ist.
In meiner kostenlosen Gratis-Video-Reihe Dein Einstieg zeige ich dir die drei wichtigsten Grundlagen für den Start ins Lederhandwerk: was du wirklich können musst, was du über Leder wissen solltest und wie du deinen Einstieg findest, auch wenn du bisher keine Erfahrung hast.


