Vielleicht kennst du diesen Moment: Du stehst vor deinem Pferd, legst ihm die Trense an und denkst eigentlich gar nicht groß darüber nach, was sich unter all den Riemen, Polstern und Schnallen befindet.
Ganz ehrlich? Mir ging das lange genauso.
Erst als ich angefangen habe, Trensen und Kappzäume selbst zu bauen, habe ich begonnen, genauer hinzuschauen. Wo liegt eigentlich welches Teil vom Kopfstück? Warum reagieren manche Pferde empfindlich, wenn man sie auftrenst? Und weshalb wirken manche Pferde plötzlich kopfscheu oder kauen schlecht ab?
Je tiefer ich mich damit beschäftigt habe, desto klarer wurde mir: Der Pferdeschädel ist ein faszinierendes anatomisches Meisterwerk – und gleichzeitig viel sensibler, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
In diesem ersten Teil meiner kleinen Serie zur Anatomie des Pferdekopfes schauen wir uns deshalb ausschließlich die Knochen und Gelenke an.
Du wirst verstehen, welche Knochen tastbar sind, warum manche Bereiche besonders empfindlich reagieren und weshalb dieses Wissen für dich unglaublich hilfreich sein kann.
Der Pferdeschädel: Warum die knöcherne Anatomie so wichtig ist
Der Pferdeschädel ist weit mehr als nur ein harter Knochen: Er schützt das Gehirn, ermöglicht Atmung, Futteraufnahme und Sinneswahrnehmung – und bildet gleichzeitig die Grundlage für Bewegung und Balance.
Ein ausgewachsener Pferdekopf wiegt ungefähr 30 Kilogramm und kann bis zu 10 % des gesamten Körpergewichts ausmachen. Gleichzeitig besteht der Pferdeschädel aus 34 verschiedenen Knochen, die präzise miteinander verbunden sind.
Wenn man sich das einmal bewusst macht, versteht man ziemlich schnell: Der Pferdeschädel ist kein „starrer Block“ unter der Haut. Der Kopf eines Pferdes ist ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Knochen, Gelenken und empfindlichen Strukturen.
Grundsätzlich wird der Schädel in zwei Bereiche unterteilt:
Der Gehirnschädel
Dieser Teil schützt das Gehirn und bildet den stabileren oberen Bereich des Kopfes. Auch die Augenhöhlen liegen hier und schützen die Augen des Tieres.
Der Gesichtsschädel
Dieser Bereich übernimmt viele Aufgaben des täglichen Pferdelebens: Atmen, Fressen, Kauen und Wahrnehmung.
Und genau hier verlaufen später auch Trense, Nasenriemen und Kappzaum.
Spannend – und gleichzeitig wichtig – ist dabei: Die Gesichtsknochen des Pferdes gelten als besonders empfindlich gegenüber Verletzungen, weil sie nur wenig schützendes Gewebe besitzen und deshalb als besonders frakturanfällig beschrieben werden.

Welche Knochen kannst du am Pferdekopf wirklich fühlen?
Wenn du einmal bewusst mit der Hand über den Pferdekopf streichst, wirst du überrascht sein, wie viele Strukturen direkt tastbar sind.
Und genau das finde ich so spannend: Denn vieles liegt direkt unter der Haut.
Das Nasenbein: empfindlicher als viele denken
Das Nasenbein bildet den Nasenrücken und wirkt auf den ersten Blick stabil.
Im unteren Bereich ist dieser Knochen jedoch erstaunlich dünn und empfindlich.
Gerade hier verlaufen häufig Nasenriemen oder gebisslose Zäumungen.
Vielleicht kennst du Pferde, die Berührungen an der Nase nicht mögen oder plötzlich empfindlicher reagieren. Natürlich ist dafür der Grund nicht immer ein nicht passendes Kopfstück – aber ich finde, es lohnt sich hier mal genauer hinzuschauen.
Denn Untersuchungen zeigten, dass bei mindestens 33,3 % der untersuchten Pferde Knochenverdünnungen am Nasenbein sichtbar waren, gleichzeitig fanden sich häufig tastbare Knochenanlagerungen.
Für mich sind das wirklich schockierende Zahlen!
Das Jochbein: dieser markante Knochen unter dem Auge
Wenn du unterhalb des Auges Richtung Nüstern entlangfühlst, bemerkst du einen deutlich tastbaren Knochen – das Jochbein.
Direkt unterhalb des Jochbeins liegen wichtige Nervenaustrittspunkte, gleichzeitig ist das Jochbein wenig gepolstert durch darüber liegenden Gewebes.
Genau deshalb finde ich diesen Bereich bei Kopfstücken und Seitenteilen auch besonders wichtig.
Der Unterkiefer: mehr als nur ein Knochen
Der Unterkiefer ist ein massiver Knochen und beherbergt die Zahnreihen des Pferdes.
Vorne sitzen die Schneidezähnen, mit denen Gras abgebissen wird. Dahinter liegen die Mahlzähne.
Gerade im Bereich von Unterkiefer, Zahn und Maul wird deutlich, wie fein abgestimmt Anatomie eigentlich ist.
Wichtiger Einschub: „Seltsames“ Verhalten hat einen Grund
Spannend finde ich auch, wie gezielt Tierärzte bestimmte Bereiche betäuben können. Ein Nervenblock am sogenannten Foramen mentale kann beispielsweise Schneide- und Eckzähne sowie die Unterlippe einer Seite betäuben. Andere Punkte erreichen sogar die gesamte Zahnreihe des Unterkiefers.
Und oft zeigt uns ein Pferd ziemlich deutlich, dass sich etwas nicht richtig anfühlt – nur eben nicht in Worten:
- Bei einer Untersuchung an Vielseitigkeitspferden wurden nach der Geländeprüfung bei 52 % der Pferde akute gebissbedingte Maulverletzungen festgestellt.
- Und in einer Feldstudie mit Dressurpferden öffneten Pferde mit Maulläsionen das Maul deutlich häufiger als Pferde ohne Verletzungen – nämlich 34,6 statt 12,2 Mal während der Prüfung.
Für mich zeigen solche Zahlen vor allem eines: Verhalten hat einen Grund.
Das Kiefergelenk: klein, aber unglaublich wichtig
Ganz hinten am Kopf liegt ein Bereich, der oft unterschätzt wird: das Kiefergelenk.
Dieses Gelenk verbindet Ober- und Unterkiefer und macht die Kaubewegung überhaupt erst möglich.
Und ja – auch das berühmte „Abkauen“ oder die Losgelassenheit hängen eng mit diesem Bereich zusammen.
Besonders spannend finde ich, dass Untersuchungen zeigen konnten, dass sich das Kiefergelenk je nach Futter unterschiedlich bewegt. Beim Kauen von Heu zeigte sich eine größere Beweglichkeit als beim Kauen von Pellets.
Gleichzeitig werden Probleme im Kiefergelenk häufig unterschätzt. Hinweise können Schmerzen bei Berührung, veränderte Kaubewegungen, Probleme mit dem Gebiss oder Schwierigkeiten bei der Futteraufnahme sein.
Das Genick: Atlas und Axis
Direkt hinter dem Schädel beginnt das Genick.
Hier sitzen die ersten beiden Halswirbel: Atlas und Axis.
Der Atlas ermöglicht vor allem das Nicken des Kopfes, der Axis die Drehbewegung.
Zusammen sorgen sie dafür, dass dein Pferd den Kopf flexibel bewegen und ausbalancieren kann.
Und wie wichtig dieser Bereich tatsächlich ist, zeigt auch eine Bewegungsanalyse der Halswirbelsäule: Zwischen Atlas und Axis lag die durchschnittliche Rotationsbewegung bei 107,5° – also rund 73 % der gesamten Halsrotation.

Warum das Verständnis der Anatomie des Pferdekopfes für das Anpassen von Trense & Kappzaum so wichtig ist
Ich muss ehrlich zugeben: Früher habe ich mir darüber kaum Gedanken zum Pferdekopf gemacht.
Eine Trense musste hübsch aussehen, halbwegs passen – fertig.
Erst als ich angefangen habe, selbst Trensen und Kappzäume zu bauen, habe ich verstanden, was sich eigentlich unter jedem einzelnen Riemen befindet.
Und plötzlich habe ich verstanden, warum manche Pferde den Kopf wegziehen, empfindlich beim Auftrensen reagieren oder schlecht abkauen und im Kiefergelenk verspannen.
Denn unter dem Fell liegen empfindliche Knochen, die wenig bis gar nicht von darüber liegendem Gewebe geschützt werden. Wenn jetzt zum Beispiel eine metallene Schnalle direkt auf dem Kiefergelenk liegt, weil das Backenstück der Trense zu lang ist, dann verursacht das über die Zeit Schmerzen beim Pferd: ein verspanntes Pferd, das nicht oder wenig abkaut, kann die Folge sein.
Gerade auch beim Thema Nasenriemen lohnt es sich ein genauer Blick. In einer internationalen Untersuchung an Turnierpferden hatten nur 7 % der Pferde die empfohlene Zwei-Finger-Einstellung beim Nasenriemen, während 44 % der Pferde in die Kategorie „null Finger“ eingeordnet wurden.
Meine persönliche Erfahrung: Erst verstehen, dann verändern
Ich muss ehrlich sagen: Bevor ich angefangen habe, selbst Trensen und Kappzäume zu bauen, habe ich kaum bewusst darauf geachtet, was sich eigentlich alles an einem Pferdekopf befindet.
Ich habe eher geschaut: Sitzt das Kopfstück? Gefällt es mir optisch? Fertig.
Erst als ich angefangen habe, selbst Kopfstücke zu fertigen und überlegen musste, wo welcher Riemen eigentlich liegt und wo ich Schnallen benötige, hat sich mein Blick komplett verändert.
Plötzlich wurde mir bewusst, warum manche Pferde vielleicht kopfscheu werden. Warum manche den Kopf wegziehen beim Auftrensen. Oder weshalb manche schlecht abkauen.
Natürlich ist eine schlecht sitzende Trense nie die einzige Erklärung.
Aber ich finde: Wenn wir verstehen, was sich alles an so einem Pferdekopf befindet, treffen wir automatisch bewusstere Entscheidungen.
Fazit: Der Pferdeschädel ist die Grundlage für alles Weitere
Der Pferdeschädel ist viel mehr als nur eine Ansammlung aus Knochen.
Er ist die Grundlage für Bewegung, Balance, Futteraufnahme und Sinneswahrnehmung.
Und gerade wenn wir mit Trense, Kappzaum oder gebisslosen Zäumungen arbeiten, hilft ein anatomischer Blick oft unglaublich weiter.
Denn je besser wir verstehen, welche Strukturen sich am Pferdekopf befinden, desto bewusster können wir Entscheidungen treffen.
Im nächsten Teil dieser Serie schauen wir uns die Muskeln und Faszien am Pferdekopf an – also alles, was Spannung, Bewegung und Ausdruck überhaupt erst möglich macht.
Wenn du tiefer in das Thema Passform, Kopfstücke und Leder eintauchen möchtest, dann schau dir gerne meine kostenlosen Videos an. Dort zeige ich dir Schritt für Schritt, worauf es wirklich ankommt – gerade auch dann, wenn du denkst: „Ich kann das bestimmt nicht.“


