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Muskeln am Pferdekopf: Warum Muskulatur & Faszien oft unterschätzt werden

Der Pferdekopf besteht aus mehr nur als Knochen – warum die Muskeln so wichtig sind

Wenn wir über die Anatomie des Pferdekopfes sprechen, denken viele zuerst an den Schädel, den Unterkiefer oder das Kiefergelenk. Verständlich – schließlich geben Knochen Form und Stabilität.

Aber ganz ehrlich? Erst als ich begonnen habe, Trensen und Kappzäume selbst zu bauen, habe ich angefangen, wirklich hinzuschauen.

Denn unter einem Kopfstück liegt eben nicht einfach nur „Kopf“. Dort befinden sich Muskeln, Faszien, empfindliche Übergänge zum Genick, Bereiche für Bewegung, Kauen und sogar Mimik. Und plötzlich versteht man viele Dinge besser: Warum manche Pferde den Kopf wegziehen. Warum manche schlecht abkauen. Oder warum ein Pferd beim Auftrensen empfindlich reagiert.

Gerade wenn wir möchten, dass unser Pferd sich mit Trense oder Kappzaum wohlfühlt, lohnt sich ein Blick auf die Muskeln am Pferdekopf. Denn die Anatomie des Pferdes endet eben nicht beim knöchernen Skelett.

In diesem zweiten Teil meiner Serie zur Anatomie des Pferdekopfes schauen wir uns deshalb bewusst nur die Muskulatur und Faszien an – verständlich erklärt, ohne komplizierte Fachbegriffe und vor allem mit Blick auf das, was im Alltag wirklich wichtig ist.

Welche Aufgaben haben die Muskeln am Pferdekopf?

Die Muskulatur am Pferdekopf übernimmt deutlich mehr Aufgaben, als viele zunächst denken.

Sie sorgt dafür, dass dein Pferd fressen, kauen und schlucken kann. Sie bewegt Lippen und Nüstern. Sie verbindet den schweren Kopf mit Hals und Schulter. Und sie spielt auch eine Rolle dabei, wie sich dein Pferd ausdrückt.

Denn Pferde sprechen unglaublich viel über kleine Bewegungen ihres Gesichts.

Vielleicht kennst du diese feinen Veränderungen: gespannte Lippen, feste Nüstern oder ein leicht zusammengepresstes Maul. Oft sehen wir das nur im Augenwinkel. Aber genau dort beginnt Kommunikation.

Besonders spannend finde ich, dass Forschende mit EquiFACS – einem System zur Analyse der Gesichtsmuskulatur – inzwischen 805 verschiedene Gesichtsausdrücke beziehungsweise Kombinationen aus Muskelbewegungen beim Pferd beschrieben haben.

Das zeigt ziemlich deutlich: Ein Pferdekopf ist nicht starr. Er ist ständig in Bewegung.

Und genau deshalb lohnt es sich, ihn besser zu verstehen.

Der Musculus masseter: Der stärkste Kaumuskel am Pferdekopf

Wenn wir über die Muskeln am Pferdekopf sprechen, kommen wir an einem Muskel nicht vorbei: dem Musculus masseter.

Keine Sorge vor dem komplizierten Namen. Gemeint ist einfach der große äußere Kaumuskel. Er liegt seitlich am Kopf – ungefähr dort, wo bei vielen Trensen die Backenstücke entlanglaufen.

Seine Aufgabe klingt erst einmal simpel: Er schließt den Unterkiefer und macht das Kauen überhaupt möglich.

Doch was dieser Muskel täglich leistet, ist enorm.

In der veterinärmedizinischen Literatur gilt der Musculus masseter als größter und stärkster primärer Kaumuskel des Pferdes.

Und wenn man sich anschaut, welche Kräfte beim Kauen entstehen, versteht man auch warum.

Beim Zerkleinern von Raufutter entstehen auf den Backenzähnen des Unterkiefers Kräfte von bis zu 1.956 Newton. Gleichzeitig kaut ein Pferd – je nach Raufutter – etwa 68 bis 84 Mal pro Minute.

Wenn man sich diese Zahlen vor Augen führt, wird klar: Kauen ist keine kleine Bewegung. Es ist Schwerstarbeit.

Und genau deshalb braucht der Unterkiefer Bewegungsfreiheit.

Warum Kauen so wichtig ist

Ein Pferd kaut nicht nur, um Futter kleinzubekommen.

Kauen entspannt. Kauen bewegt den Unterkiefer. Kauen unterstützt eine lockere Verbindung zwischen Maul, Genick und Hals.

Wenn ein Pferd nicht richtig abkaut, lohnt sich deshalb manchmal ein genauerer Blick.

Denn Untersuchungen zeigen, dass sehr eng verschnallte Reithalfter das natürliche Kauen deutlich beeinflussen können. In einer Studie mit zwölf Pferden verringerte ein maximal eng verschnalltes Reithalfter das Kauen deutlich, Lecken verschwand vollständig und die Schluckfrequenz halbierte sich. Gleichzeitig stiegen körperliche Stressanzeichen messbar an, wie diese Untersuchung zeigt.

Und ganz ehrlich: Das hat mich schon nachdenklich gemacht.

Denn wir wünschen uns doch eigentlich ein Pferd, das locker kaut, entspannt im Maul ist und loslassen kann.

Mimische Muskulatur: Kleine Muskeln mit großer Wirkung

Die mimische Muskulatur wird oft unterschätzt.

Das sind viele kleine Muskeln rund um Maul, Lippen, Nüstern und Augenbereich. Sie sorgen dafür, dass dein Pferd Gefühle zeigt, Spannung ausdrückt oder auf Situationen reagiert.

Gerade am Maul sind diese Bereiche empfindlich.

In einer Feldstudie mit Dressurpferden hatten fast die Hälfte der Pferde kleine Verletzungen an den Maulwinkeln. Gleichzeitig öffneten diese Pferde das Maul deutlich häufiger. Die Ergebnisse dieser Feldstudie zeigen ziemlich eindrücklich, wie eng Verhalten und körperliches Wohlbefinden zusammenhängen können.

Natürlich bedeutet Maulöffnen nicht automatisch Schmerz.

Aber manchmal lohnt sich eben ein zweiter Blick.

Warum Genick und Halsmuskeln so wichtig sind

Ein Pferdekopf ist schwer.

Damit dein Pferd ihn tragen, ausbalancieren und bewegen kann, braucht es starke Muskelgruppen zwischen Kopf, Hals und Schulter.

Dazu gehören unter anderem der Kopf-Arm-Muskel sowie Muskelketten rund um Atlas und Genick. Der Atlas ist übrigens der erste Halswirbel direkt hinter dem Schädel.

Vielleicht kennst du Situationen, in denen dein Pferd sich im Genick festmacht, sich schlecht stellen lässt oder beim Auftrensen empfindlich reagiert.

Gerade hier liegen häufig Genickstücke von Trensen oder Kappzäumen.

Und Druck spielt anatomisch durchaus eine Rolle.

In einer doppelblinden Studie verursachte herkömmliches Zaumzeug deutlich höhere Druckspitzen unter dem Genickstück als ein druckentlastendes Design. Gleichzeitig zeigte sich sogar mehr Bewegungsfreiheit der Vorhand. Die Ergebnisse dieser Druckmessung fand ich persönlich unglaublich spannend. Denn sie zeigt, wie groß die Auswirkung einer schlecht passenden Trense auf das gesamte Pferd und dessen Bewegung hat.

Auch interessant fand ich eine Untersuchung zu Kandarenzäumungen. Dort zeigte sich, dass bei einer Kandare sowohl Kraft als auch Druck im Genickbereich höher waren und sich Druck am Nasenbein auf sehr kleine Bereiche konzentrieren konnte. Hier findest du die Druckanalyse.

Faszien: Das unsichtbare Netzwerk am Pferdekopf

Über Faszien wird mittlerweile viel gesprochen.

Trotzdem finde ich, dass man sie gerade am Pferdekopf nicht vergessen sollte.

Faszien kannst du dir wie ein feines Bindegewebsnetz vorstellen. Sie umhüllen Muskeln, verbinden Strukturen miteinander und helfen dabei, Spannungen im Körper weiterzugeben.

Ein bisschen wie ein gut gewebtes Netz aus Fäden.

Die tiefe Faszie des Pferdes besteht aus dicht gepackten Kollagenfasern und enthält Blutgefäße sowie Nervenfasern. Genau das zeigt diese histologische Untersuchung.

Warum ist das wichtig?

Weil Spannungen selten nur an einer Stelle bleiben.

Ein unangenehmer Druck auf dem Nasenrücken, ein zu enges Reithalfter oder Druck am Genick können Auswirkungen auf Bewegungsfreiheit und Wohlbefinden haben.

Eine internationale Untersuchung zeigte beispielsweise, dass 44 % der Pferde mit extrem eng verschnalltem Reithalfter geritten wurden, während nur wenige Pferde ausreichend Spielraum hatten.

Faszien

Was sich bei mir verändert hat, seit ich Kopfstücke selbst baue

Ich muss ehrlich sagen: Früher habe ich mir darüber kaum Gedanken gemacht.

Natürlich wusste ich ungefähr, wo ein Kopfstück liegt. Aber was sich anatomisch darunter befindet? Welche Muskulatur dort arbeitet? Wo ein Pferd empfindlich sein könnte? Ehrlich gesagt hatte ich das gar nicht wirklich auf dem Schirm.

Erst als ich angefangen habe, Trensen und Kappzäume selbst zu bauen, musste ich plötzlich genauer hinschauen.

Wo verläuft Muskulatur? Was liegt auf dem Nasenbein? Wie viel Bewegungsfreiheit braucht der Unterkiefer beim Kauen? Wo darf ein Riemen weich aufliegen – und wo besser nicht?

Und plötzlich haben viele Dinge Sinn ergeben.

Warum manche Pferde kopfscheu werden.

Warum manche beim Auftrensen schon vorher den Kopf wegziehen.

Oder warum ein Pferd vielleicht schlecht abkaut, obwohl die Zähne gemacht wurden.

Beim Sattel achten wir mittlerweile selbstverständlich auf Anatomie, Druckverteilung und Bewegungsfreiheit.

Warum also nicht auch beim Kopfstück?

Fazit: Muskeln am Pferdekopf besser verstehen heißt Pferde besser verstehen

Die Muskeln am Pferdekopf machen deutlich mehr, als nur den Unterkiefer zu bewegen.

Sie tragen den Kopf, steuern Mimik, beeinflussen das Kauen und stehen in enger Verbindung zu Genick, Hals und dem gesamten Bewegungsapparat.

Je besser wir verstehen, was sich anatomisch unter Trense, Nasenriemen oder Genickstück befindet, desto bewusster können wir Entscheidungen treffen.

Und manchmal beginnt Veränderung eben nicht bei neuer Ausrüstung – sondern damit erst einmal genauer hinzuschauen.

Im nächsten Teil dieser Serie schauen wir uns die Nerven und Blutgefäße am Pferdekopf an. Also genau die Bereiche, die erklären, warum manche Stellen so empfindlich reagieren und weshalb kleine Veränderungen manchmal große Wirkung haben.

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