Inhaltsverzeichnis

Lederindustrie: Wasserverbrauch und Abwasser – was wirklich dahintersteckt

Kaum ein Material wird so emotional diskutiert wie Leder: Für die einen ist es ein langlebiger, natürlicher Rohstoff. Für die anderen ein Symbol für Umweltzerstörung, hohen Wasserverbrauch und giftiges Abwasser.


Gerade wenn man beginnt, sich intensiver mit Leder zu beschäftigen – sei es aus handwerklichem Interesse oder aus Nachhaltigkeitsgründen – stößt man sehr schnell auf extreme Aussagen, wie …

    • „Ein Paar Lederschuhe verbraucht 8.000 Liter Wasser.“

    • „Die Lederindustrie verseucht ganze Flüsse.“

    • „Leder ist grundsätzlich umweltschädlich.“


Und ja – diese Aussagen kommen nicht aus dem Nichts.
Aber sie erzählen eben auch nicht die ganze Geschichte.


In diesem Artikel schauen wir deshalb genauer hin:

    • Woher stammen diese Zahlen wirklich?

    • Was bedeutet Wasserverbrauch in der Lederindustrie konkret?

    • Wie entsteht Abwasser bei der Lederherstellung – und wie wird es behandelt?

    • Und warum macht es einen enormen Unterschied, wo und wie Leder verarbeitet wird?

 

Woher kommt die Zahl von 8.000 Litern Wasser pro Lederschuh?

Die oft zitierte Zahl von rund 8.000 Litern Wasser pro Paar Lederschuhe stammt aus sogenannten Wasserfußabdruck-Berechnungen.
Eine häufig genannte Quelle ist ein Bericht des WWF Großbritannien, der den Wasserfußabdruck verschiedener Konsumgüter darstellt – darunter auch Lederschuhe.


Dabei ist wichtig zu verstehen:
Der Wasserfußabdruck umfasst den gesamten Wasserverbrauch entlang der kompletten Produktionskette. Dazu zählen unter anderem:

    • Regenwasser auf Weideflächen

    • Wasser für den Anbau von Futtermitteln

    • Trinkwasser für das Tier

    • Wasser in Schlachtung, Verarbeitung und Transport

Diese Wassermengen werden rechnerisch auf verschiedene Produkte verteilt – also auf Fleisch, Milch und auch auf die Tierhäute.

Die Tierhaut selbst fällt dabei als Neben- oder Abfallprodukt der Fleischindustrie an. Das Tier wird also nicht wegen des Leders gehalten oder getötet. Wenn diese gesamte Kette pauschal dem Leder zugeschrieben wird, entstehen sehr hohe Zahlen, die aber wenig darüber aussagen, wie viel Wasser tatsächlich in der Lederverarbeitung selbst benötigt wird.

 

Wasserverbrauch in der Lederherstellung – ein realistischer Blick

Wenn wir über den Wasserverbrauch der Lederindustrie sprechen, ist es entscheidend, zwischen Tierhaltung und Gerberei zu unterscheiden.

In modernen europäischen Gerbereien liegt der Wasserverbrauch im eigentlichen Gerbprozess heute deutlich niedriger, als viele vermuten. Je nach Technik und Prozessführung werden etwa 12 bis 25 Kubikmeter Wasser pro Tonne Rohhaut benötigt. Umgerechnet auf fertiges Leder entspricht das ungefähr 50 bis 150 Litern Wasser pro Kilogramm gegerbtem Leder.

Diese Zahlen beziehen sich auf die tatsächliche Lederverarbeitung: Einweichen, Enthaaren, Gerben, Färben und Nachbehandlung – nicht auf die Tierhaltung.

Das ist immer noch ein relevanter Wasserverbrauch.
Aber es ist ein großer Unterschied, ob man von Dutzenden Litern pro Kilogramm Leder spricht oder von Zehntausenden Litern, in die die gesamte Landwirtschaft eingerechnet wird.

 

Wo entsteht Abwasser in der Lederindustrie?

Abwasser entsteht in der Lederherstellung nicht an einem einzigen Punkt, sondern in mehreren Prozessschritten.
Dazu gehören unter anderem:

    • Einweichen der Rohhäute

    • Enthaarung und Äscher

    • Beizen und Pickeln

    • Gerbung

    • Nachgerbung, Färben und Fetten


In diesen Schritten lösen sich Eiweiße, Fette, Haare und Fleischreste von der Haut.
Zusätzlich kommen – je nach Verfahren – Salze, Gerbstoffe und weitere Hilfsmittel zum Einsatz.


Deshalb kann das Gerbereiabwasser folgende Stoffe enthalten:

    • hohe organische Belastungen

    • Salze

    • Schwefelverbindungen

    • Gerbstoffe

    • bei Chromgerbung: Chromverbindungen


Entscheidend ist jedoch nicht nur, was im Abwasser enthalten ist, sondern wie damit umgegangen wird.

Abwasser Aufbereitung

 

Chromgerbung, pflanzliche Gerbung und Chemikalien – keine einfache Schwarz-Weiß-Frage


Ein häufiger Vorwurf lautet: Chromgegerbtes Leder ist giftig – So pauschal stimmt das nicht

In der Lederindustrie wird Chrom III eingesetzt. Diese Form von Chrom bindet sich fest an das Leder und gilt in dieser Verbindung als vergleichsweise stabil.

Das wirklich problematische Chrom VI entsteht nicht automatisch. Es kann sich nur unter bestimmten Bedingungen bilden, etwa bei falscher Entsorgung oder mangelhafter Nachbehandlung.

In Europa gelten sehr strenge Grenzwerte für Chrom im Abwasser. Nach der Aufbereitung liegen die Werte häufig im niedrigen Milligramm- oder sogar Mikrogramm-Bereich.


Auch pflanzlich gegerbtes Leder ist nicht automatisch unproblematisch

Zwar kommt es ohne Chrom aus, erzeugt aber ebenfalls Abwasser mit hoher organischer Belastung, das zwingend gereinigt werden muss.

Ob Leder nachhaltig ist, hängt deshalb nicht allein von der Gerbart ab, sondern von Wasserführung, eingesetzten Gerbstoffen, Abwasseraufbereitung und Umweltstandards.

 

Europa und Billiglohnländer – warum der Produktionsort entscheidend ist

Ein Punkt, der in vielen Diskussionen untergeht, ist der Produktionsstandort.

In Europa dürfen Abwässer aus Gerbereien nicht ungeklärt in Gewässer gelangen. Moderne Betriebe verfügen über mehrstufige Aufbereitungsanlagen mit physikalischer, chemischer und biologischer Reinigung sowie Chromfällung und -rückgewinnung. Messdaten zeigen, dass Schadstoffe dabei um 95 bis 99 Prozent reduziert werden können.

In einigen Entwicklungs- und Billiglohnländern fehlen solche Standards teilweise oder werden nicht konsequent durchgesetzt. Die bekannten Bilder von verschmutzten Flüssen entstehen fast immer dort, wo Abwasser ungeklärt bleibt.

Das Problem ist also nicht Leder an sich – sondern wie und wo es produziert wird.

 

Häufige Fragen rund um Leder und Umwelt

Ist Leder schlecht für die Umwelt?

Leder kann umweltschädlich sein, wenn es unter schlechten Bedingungen hergestellt wird.
Besonders problematisch sind unzureichende Abwasserbehandlung, hohe Chemikalienbelastung und fehlende Umweltauflagen.
Gleichzeitig ist Leder ein Naturprodukt und ein Nebenprodukt der Fleischindustrie, das sonst entsorgt werden müsste.
Die Umweltwirkung hängt stark von Gerbverfahren, Produktionsland und Nutzungsdauer ab.
Ein langlebiges Lederprodukt kann ökologisch sinnvoller sein als kurzlebige synthetische Alternativen.


Ist Leder gut oder schlecht für die Umwelt?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten.
Wird Leder in Ländern mit hohen Umweltstandards hergestellt und lange genutzt, kann es eine sinnvolle Ressourcennutzung sein.
Problematisch wird es dort, wo Abwasser ungeklärt bleibt oder Umweltauflagen fehlen.
Entscheidend ist nicht das Material allein, sondern die gesamte Lieferkette.


Ist Leder biologisch abbaubar?

Echtes, naturbelassenes Leder ist grundsätzlich biologisch abbaubar.
Je stärker es beschichtet oder synthetisch nachbehandelt ist, desto langsamer verläuft dieser Prozess.
Im Vergleich zu Kunstleder auf Kunststoffbasis schneidet Naturleder hier häufig besser ab.


Werden Tiere nur für die Lederproduktion getötet?

In der überwiegenden Mehrheit der Fälle nein.
Tierhäute fallen als Neben- oder Abfallprodukt der Fleischindustrie an.
Die Menge an Häuten ist daher eng an die Fleischproduktion gekoppelt, nicht an die Ledernachfrage.
Leder nutzt somit einen Rohstoff, der bereits vorhanden ist.


Fazit: Bewusst entscheiden statt pauschal verurteilen

Der Wasserverbrauch und das Abwasser der Lederindustrie sind komplexe Themen.
Sie lassen sich nicht mit einer einzigen Zahl oder einem Schlagwort erklären.

Leder ist weder per se gut noch per se schlecht.


Es ist ein natürliches Nebenprodukt, das verantwortungsvoll verarbeitet werden muss.

Wer Leder bewusst auswählt, auf Herkunft, Gerbverfahren und Produktionsstandards achtet und langlebige Produkte nutzt, kann einen reflektierten Weg gehen.


Wenn du wissen möchtest, was du wirklich können musst, um selbst mit dem Lederhandwerk zu starten – ohne Frust und ohne unnötige Fehlkäufe – dann schau dir meine 3 kostenlosen Videos an.
Dort zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du dir eine fundierte Basis im Lederhandwerk aufbaust.

Für dich ist Leder ein faszinierendes Material und du würdest gerne mehr über das Lederhandwerk wissen?

Du möchtest Leder selbst bearbeiten können und in das Lederhandwerk einsteigen?

Du weißt aber nicht wo du anfangen sollst, was du dafür können musst und welches Werkzeug du wofür benötigst?

Dann schau dir jetzt meine 3 kostenlosen Videos für deinen Einstieg ins Lederhandwerk an!

PS: Die Videos sind komplett kostenlos und sind ein Geschenk an dich!

Weitere Blogbeiträge: